Ein ehemaliger Naughty-Dog-Entwickler hat neue Details zu Amy Hennigs ursprünglicher Version von Uncharted 4 enthüllt. Demnach war Sam Drake bereits Teil der Geschichte, sollte jedoch eine völlig andere Rolle übernehmen: Nathans Bruder war offenbar als Gegenspieler geplant. Auch der Darsteller und die grundlegende Ausrichtung unterschieden sich deutlich vom später veröffentlichten Spiel.
Die Aussagen stammen von Matt Radford, der bei Naughty Dog als VFX Artist arbeitete und die frühe Entwicklung von Uncharted 4 miterlebte. In einem Interview mit Kiwi Talkz erklärte er, einige der damaligen Inhalte selbst gesehen zu haben. Die entsprechende Fassung entstand noch unter der kreativen Leitung von Amy Hennig, bevor sie das Studio 2014 verließ.
Sam Drake war als Gegenspieler vorgesehen
In der veröffentlichten Version von Uncharted 4 kehrt Sam Drake nach vielen Jahren überraschend in das Leben seines jüngeren Bruders zurück. Nathan hielt ihn lange für tot. Sam behauptet, bei einem gefährlichen Kriminellen in der Schuld zu stehen, und überredet Nathan deshalb zu einer weiteren Schatzsuche.
Obwohl sich später herausstellt, dass Sam nicht die ganze Wahrheit erzählt hat, bleibt er ein Verbündeter und wichtiger Teil der Familie. In Amy Hennigs Geschichte wäre die Figur offenbar wesentlich stärker gegen Nathan positioniert worden.
Radford zufolge war Sam in dieser frühen Version der eigentliche Bösewicht. Wie genau der Konflikt zwischen den Brüdern aufgebaut war und welche Motive Sam verfolgt hätte, verriet der frühere Entwickler nicht. Aus seiner Schilderung geht jedoch hervor, dass sich die Rolle deutlich von der späteren Darstellung unterschied.
Damit bestätigt Radford einen der interessantesten Unterschiede zwischen den beiden Fassungen. Dass Sam bereits unter Hennig existierte, war bekannt. Seine ursprünglich geplante Funktion innerhalb der Handlung wurde bislang jedoch nur unvollständig beschrieben.
Auch Sams Darsteller wurde ausgetauscht
Die ursprüngliche Version von Sam Drake wurde von Todd Stashwick gespielt. Nach der Neuausrichtung des Projekts übernahm Troy Baker die Rolle, während Nolan North erneut Nathan Drake verkörperte.
Radford erinnerte sich daran, dass Stashwick während der frühen Arbeiten regelmäßig bei Naughty Dog zu sehen gewesen sei. Der Schauspieler arbeite weiterhin mit Amy Hennig an deren Star-Wars-Projekt zusammen. Zwischen seinem Ausscheiden bei Uncharted 4 und persönlichen Konflikten müsse daher kein Zusammenhang bestanden haben.
Der Wechsel des Darstellers war vielmehr Teil des umfassenden Neustarts. Mit einer veränderten Persönlichkeit, neuen Beziehungen und einem anderen Verlauf der Geschichte musste auch Sam neu aufgenommen werden. Am Ende wurde Troy Bakers Darstellung zu einem zentralen Bestandteil des veröffentlichten Abenteuers.
Die erste Demo war noch extrem unfertig
Einen ungewöhnlichen Einblick gab Radford außerdem in den technischen Zustand einer frühen Präsentation. Eine interne Demo, mit der das Projekt grünes Licht erhalten sollte, lief seiner Erinnerung nach zeitweise mit ungefähr einem Bild pro Sekunde auf einem PC.
Diese Zahl klingt zunächst drastisch, ist bei einer unfertigen Entwicklungsfassung jedoch kaum mit der Leistung eines späteren Spiels vergleichbar. Solche internen Prototypen dienen vor allem dazu, Spielideen, Szenen und technische Ziele zu präsentieren. Optimierungen und stabile Bildraten stehen in dieser Phase nicht zwangsläufig im Mittelpunkt.
Radford beschrieb das Material entsprechend als sehr frühe und improvisierte Version. Gleichzeitig fand er die darin erkennbare Idee interessant. Seine Aussagen liefern somit keinen Beleg dafür, dass Hennigs Uncharted 4 technisch gescheitert wäre. Sie zeigen vielmehr, wie weit das Projekt damals noch von einem fertigen Spiel entfernt war.
Bereits zuvor gab es Berichte über die schwierige Entwicklungsphase. Ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter schilderte, dass Uncharted 4 intern zeitweise kurz vor dem Aus gestanden haben soll. Auch diese Darstellung bezieht sich auf einen frühen Zustand und lässt sich nicht direkt auf die spätere Qualität übertragen.
Nach Amy Hennigs Abschied änderte Naughty Dog die Geschichte
Amy Hennig verließ Naughty Dog im Jahr 2014. Anschließend übernahmen Neil Druckmann und Bruce Straley die kreative Leitung von Uncharted 4. Große Teile der vorhandenen Arbeit wurden verworfen oder grundlegend überarbeitet.
Nolan North hatte bereits früher erklärt, dass sich die Handlung nach dem Führungswechsel stark verändert habe. Mehrere Monate Entwicklungsarbeit flossen demnach nicht in die endgültige Fassung ein. Neben Sam und seinem Darsteller betraf der Neustart auch den Ton, einzelne Figuren und den Aufbau des Abenteuers.
Uncharted 4 erschien schließlich im Mai 2016 für PlayStation 4. Das Spiel erzählt von Nathan Drakes letztem großen Abenteuer und rückt neben der Suche nach Henry Averys Piratenschatz vor allem seine Beziehungen zu Sam und Elena in den Mittelpunkt. Die fertige Version wurde zu einem der erfolgreichsten und bekanntesten Titel der Konsole.
Radford stellte in seinem Interview ausdrücklich keinen direkten Qualitätsvergleich auf. Er halte Hennigs damalige Vision für interessant, lobte aber ebenso die veröffentlichte Geschichte von Druckmann und Straley. Ob die ursprüngliche Fassung besser oder schlechter geworden wäre, lasse sich anhand der erhaltenen Informationen nicht beurteilen.
Radford erinnert sich positiv an Amy Hennig
Neben den inhaltlichen Details sprach Radford auch über die Zusammenarbeit mit Amy Hennig. Er beschrieb sie als engagierte Leiterin, die bis spät in die Nacht gemeinsam mit dem Team gearbeitet und selbst jungen Mitarbeitern offen begegnet sei.
Nachrichten zu ungewöhnlich später Stunde seien während der Entwicklung keine Seltenheit gewesen. Trotz ihrer leitenden Position habe Hennig menschlich und ansprechbar gewirkt. Radford hofft deshalb, dass ihre kommenden Projekte erfolgreich werden und Spieler ihre neuen Geschichten erleben können.
Die Aussagen zeichnen ein differenzierteres Bild der damaligen Entwicklung. Hennigs Version wurde zwar verworfen, doch das bedeutet nicht automatisch, dass ihre Arbeit wertlos oder grundsätzlich problematisch war. Gleichzeitig entstand unter der neuen Leitung ein Spiel, das die Reihe erfolgreich abschloss.
Mehr als zehn Jahre später bleibt die Frage spannend, wie ein vollständig unter Amy Hennig entwickeltes Uncharted 4 ausgesehen hätte. Eine spielbare Veröffentlichung dieser Fassung ist nicht zu erwarten. Die Erinnerungen früherer Entwickler und erhaltene Spuren geben aber zumindest einen Eindruck davon, wie stark sich große Produktionen während ihrer Entstehung verändern können.
Ob Sony die Marke künftig fortsetzt, ist weiterhin offen. Ein ehemaliger Naughty-Dog-Entwickler sprach sich zuletzt gegen ein einfaches Remake aus und bezeichnete ein solches Projekt als möglichen Cash Grab statt sinnvoller Rückkehr von Uncharted.
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