Hideo Kojima hat sich erneut kritisch über den Umgang mit Videospielen in sozialen Netzwerken geäußert. Der bekannte Entwickler hinter Metal Gear Solid und Death Stranding sieht ein wachsendes Problem darin, dass Menschen Meinungen übernehmen, ohne sich selbst mit einem Werk beschäftigt zu haben. Als Beispiel nennt er die häufige Bezeichnung von Death Stranding als bloßen Walking Simulator. Besonders die Rolle sozialer Medien und künstlicher Intelligenz bereitet ihm Sorgen.
Kojima spricht über die Kritik an Death Stranding
Die Aussagen stammen aus einem Gespräch mit dem mexikanischen Regisseur Alejandro González Iñárritu, der unter anderem für Birdman und The Revenant bekannt ist.
Das Interview wurde anlässlich der japanischen Veröffentlichung von Iñárritus neuem Film Digger geführt und von Gizmodo Japan veröffentlicht.
Im Mittelpunkt standen die Veränderungen gesellschaftlicher Debatten durch das Internet und die zunehmende Verbreitung vorgefertigter Meinungen.
Kojima erinnerte dabei an die Diskussionen rund um das erste Death Stranding, das 2019 für PlayStation 4 erschien.
Das ungewöhnliche Action-Adventure wurde schon vor seiner Veröffentlichung häufig als Walking Simulator bezeichnet.
Die Bezeichnung bezog sich auf den großen Stellenwert des Reisens, der Fortbewegung durch schwieriges Gelände und des Transports von Waren.
Kojima stört dabei weniger, dass Spieler sein Werk kritisch betrachten, sondern dass manche Menschen eine Bewertung übernehmen, ohne sich selbst damit auseinandergesetzt zu haben.
Aus seiner Sicht können solche Aussagen im Internet schnell zu einer vermeintlich allgemein anerkannten Meinung werden.
Soziale Medien verstärken bestehende Meinungen
Kojima und Iñárritu beschäftigten sich in ihrem Gespräch mit der Frage, wie stark digitale Plattformen inzwischen beeinflussen, was Menschen über Filme, Videospiele und andere Kunstformen denken.
Dabei ging es insbesondere um Algorithmen, die Nutzern bevorzugt Inhalte anzeigen, die zu ihren bisherigen Interessen und Ansichten passen.
Dadurch können Situationen entstehen, in denen Menschen hauptsächlich mit ähnlichen Meinungen konfrontiert werden.
Widersprüchliche Einschätzungen erreichen sie dagegen möglicherweise seltener.
Kojima sieht darin eine problematische Entwicklung.
Wenn bestimmte Aussagen immer wieder verbreitet werden, können sie sich im öffentlichen Bewusstsein festsetzen, unabhängig davon, wie viele Menschen das betreffende Werk tatsächlich kennen.
Die Diskussion um Death Stranding dient ihm dabei als Beispiel.
Ein ungewöhnliches Spielkonzept kann bereits vor der Veröffentlichung auf eine einfache Bezeichnung reduziert werden, die anschließend die gesamte öffentliche Wahrnehmung beeinflusst.
Death Stranding wollte bewusst anders sein
Die Kritik an Death Stranding ist besonders interessant, weil Kojima bei diesem Projekt gezielt mit traditionellen Erwartungen an Videospiele experimentierte.
Statt sich ausschließlich auf Kämpfe und schnelle Action zu konzentrieren, stellte das Spiel andere Mechaniken in den Mittelpunkt.
Spieler müssen als Sam Porter Bridges weite Landschaften durchqueren, Lieferungen transportieren und die Verbindung zwischen isolierten Siedlungen wiederherstellen.
Dabei spielen die Beschaffenheit des Geländes, das Gewicht der Ausrüstung und die Planung einzelner Routen eine wichtige Rolle.
Auch das ungewöhnliche Online-System gehört zum Konzept. Spieler können anderen indirekt helfen, beispielsweise indem sie Brücken, Straßen und weitere Infrastruktur errichten.
Der Ansatz unterscheidet sich deutlich von vielen klassischen Action-Adventures.
Für manche Spieler war genau das besonders interessant. Andere empfanden die Fortbewegung und den vergleichsweise langsamen Spielablauf als eintönig.
Beide Einschätzungen können Teil einer legitimen Auseinandersetzung mit dem Spiel sein.
Kojimas aktuelle Kritik richtet sich vielmehr gegen vorschnelle Urteile, die ohne eigene Erfahrung übernommen werden.
Auch der neue Film Digger spielt bei der Diskussion eine Rolle
Den Anlass für das Gespräch lieferte Iñárritus Film Digger mit Tom Cruise.
Der Regisseur äußerte sich besorgt darüber, wie stark Filme inzwischen bereits anhand von Diskussionen und Erzählungen im Internet beurteilt werden.
Manchmal werde mehr über die öffentliche Wahrnehmung eines Films gesprochen als über seinen tatsächlichen Inhalt.
Kojima erkannte darin Parallelen zu seinen eigenen Erfahrungen.
Der Entwickler sieht außerdem Gemeinsamkeiten zwischen den gesellschaftlichen Themen von Digger und seinem früheren Spiel Metal Gear Solid 2.
Dieses beschäftigte sich bereits 2001 mit Informationskontrolle, digitaler Kommunikation und der Frage, wie Menschen zwischen zuverlässigen Informationen und gezielter Manipulation unterscheiden können.
Viele dieser Motive erscheinen heute angesichts sozialer Netzwerke und künstlicher Intelligenz erneut aktuell.
Das macht die Aussagen besonders bemerkenswert, denn Kojima beschäftigte sich schon lange vor der heutigen KI-Debatte mit den Auswirkungen digitaler Informationssysteme.
Künstliche Intelligenz könnte das Problem verschärfen
Kojima sieht auch in der zunehmenden Nutzung künstlicher Intelligenz mögliche Risiken für die individuelle Meinungsbildung.
Wenn Menschen sich Informationen immer häufiger durch digitale Systeme zusammenfassen und vorsortieren lassen, könnte der direkte Kontakt mit unterschiedlichen Perspektiven weiter abnehmen.
Dabei geht es nicht darum, dass jede technische Unterstützung grundsätzlich problematisch wäre.
Entscheidend ist aus seiner Sicht vielmehr, ob Menschen weiterhin bereit sind, eigene Erfahrungen zu sammeln und andere Einschätzungen zu prüfen.
Gerade bei kreativen Werken wie Spielen oder Filmen lässt sich die persönliche Wirkung nicht vollständig durch eine fremde Zusammenfassung ersetzen.
Ein Videospiel kann sich für unterschiedliche Spieler völlig verschieden anfühlen.
Deshalb kann auch eine weitverbreitete Internetmeinung niemals sämtliche individuellen Erfahrungen abbilden.
Kojimas Aussagen betreffen die gesamte Gaming-Kultur
Das Phänomen beschränkt sich nicht auf Death Stranding.
Große Spiele werden inzwischen häufig schon Monate vor ihrer Veröffentlichung intensiv bewertet, kritisiert und miteinander verglichen.
Trailer, kurze Videoclips und Kommentare können dabei einen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung haben.
Hinzu kommt, dass besonders zugespitzte Aussagen in sozialen Netzwerken häufig größere Aufmerksamkeit erhalten als differenzierte Einschätzungen.
Kojimas Kritik dürfte deshalb auch über seine eigenen Spiele hinaus für Diskussionen sorgen.
Der Entwickler fordert damit nicht, dass Death Stranding grundsätzlich positiv bewertet werden muss.
Vielmehr stellt er infrage, wie sinnvoll eine Meinung sein kann, wenn sie ausschließlich auf dem Urteil anderer beruht.
Gerade bei ungewöhnlichen Spielkonzepten könnte es sich lohnen, zunächst eigene Erfahrungen zu sammeln, bevor man sich einer bereits verbreiteten Einschätzung anschließt.
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