Mit Marvel’s Wolverine wagt sich Insomniac Games an einen Charakter, der eigentlich wie geschaffen für ein Videospiel wirkt. Logan ist schnell, brutal, nahezu unverwüstlich und trägt mit seinen Adamantium-Klauen zwei der bekanntesten Waffen des Marvel-Universums direkt an den Händen. Nach den hervorragenden Spider-Man-Spielen waren die Erwartungen entsprechend hoch.
Doch genau hier liegt auch das Problem: Wolverine sieht an vielen Stellen nach einem absoluten PlayStation-Blockbuster aus. Spielerisch hält das Abenteuer dieses Niveau allerdings nicht durchgehend.
Das Ergebnis ist ein sehr gutes inszeniertes Actionspiel mit einer starken Hauptfigur – aber eben nicht der nächste große Sprung, den man von Insomniac vielleicht erwartet hatte.
Kein Spider-Man mit Krallen – und das ist gut so
Die wahrscheinlich wichtigste Entscheidung hat Insomniac schon beim grundlegenden Aufbau getroffen. Marvel’s Wolverine ist kein Open-World-Spiel. Statt durch eine riesige Stadt zu schwingen und Nebenaufgaben abzuarbeiten, folgt Logan einer deutlich lineareren Kampagne.
Das passt erstaunlich gut.
Wolverine ist kein Superheld, der zwischen irgendwelchen Stadtteilen Patrouille fliegt und nebenbei Verbrechen verhindert. Seine Geschichte führt ihn unter anderem nach Kanada, Japan und Madripoor. Im Mittelpunkt steht Team X sowie der Kampf gegen Bolivar Trask und dessen Vorgehen gegen Mutanten.
Gerade nach Jahren voller teilweise unnötig aufgeblähter Open Worlds kann die Konzentration auf eine kompakte Kampagne zunächst sogar erfrischend sein.
Das Problem ist also nicht, dass Wolverine linear ist.
Das Problem ist, dass Insomniac diese Linearität zu selten mit spielerischer Abwechslung füllt.
Brutal? Definitiv. Abwechslungsreich? Nicht immer
Beim Kampfsystem macht Marvel’s Wolverine zunächst vieles richtig.
Logan wirft sich aggressiv auf Gegner, springt zwischen ihnen hin und her, blockt, pariert und zerlegt seine Feinde mit seinen Klauen. Dazu kommen verschiedene Techniken und ein Rage-System, das einen bewusst dazu bringt, offensiv zu spielen.
Je länger Wolverine kämpft, desto gefährlicher wird er. Die höchste Rage-Stufe verwandelt Begegnungen teilweise in ein regelrechtes Schlachtfeld. Insomniac hält sich bei Blut und abgetrennten Körperteilen sichtbar weniger zurück als noch bei Spider-Man. Wer damit nichts anfangen kann, kann die Darstellung über entsprechende Optionen reduzieren.
Das passt hervorragend zum Charakter.
Nur: Brutalität allein sorgt noch nicht automatisch für Tiefe.
Genau hier zeigt Wolverine seine größte Schwäche.
Die grundlegenden Kämpfe funktionieren und sehen fantastisch aus, doch viele Begegnungen laufen nach einem ähnlichen Schema ab. Gegnertypen wiederholen sich, stärkere Gegner halten teilweise erstaunlich viele Treffer aus und einige Fähigkeiten verändern das Spielgefühl weniger deutlich, als man es bei einem solchen Charakter erwarten würde. VGC kritisiert beispielsweise, dass sich Logan am Ende des Spiels kaum mächtiger anfühlt als zu Beginn.
Das ist ausgerechnet bei Wolverine schade.
Wenn zwei Adamantium-Klauen immer wieder auf einen normalen Gegner einschlagen müssen, verliert die vermeintliche ultimative Waffe schnell etwas von ihrer Wirkung.
Das Kampfsystem braucht seine Zeit
Ganz abschreiben sollte man das System trotzdem nicht.
Andere Eindrücke zeigen ziemlich deutlich, dass Wolverine vor allem in der zweiten Hälfte spielerisch zulegen kann. Mit zusätzlichen Fähigkeiten, besserem Verständnis für Rage, perfekten Blocks und Ausweichmanövern entsteht ein deutlich aggressiverer Spielfluss. Wccftech beschreibt genau diesen Punkt als den Moment, an dem das Kampfsystem schließlich richtig funktioniert.
Und diesen Unterschied sollte man berücksichtigen.
Marvel’s Wolverine besitzt durchaus ein gutes Kampfsystem. Das Problem ist weniger seine grundsätzliche Mechanik, sondern vielmehr, dass das Spiel daraus über die gesamte Kampagne hinweg zu wenig macht.
Nach einigen Stunden kennt man viele Abläufe einfach.
Gerade von Insomniac, einem Studio, das bei Spider-Man Bewegung, Fähigkeiten und Umgebung so geschickt miteinander verbunden hat, hätten wir hier etwas mehr Mut erwartet.
Das Kampfsystem braucht seine Zeit
Ganz abschreiben sollte man das System trotzdem nicht.
Vor allem in der zweiten Hälfte kann Wolverine spielerisch zulegen. Mit zusätzlichen Fähigkeiten, besserem Verständnis für Rage, perfekten Blocks und Ausweichmanövern entsteht ein deutlich aggressiverer Spielfluss.
Und diesen Unterschied sollte man berücksichtigen.
Marvel’s Wolverine besitzt durchaus ein gutes Kampfsystem. Das Problem ist weniger seine grundsätzliche Mechanik, sondern vielmehr, dass das Spiel daraus über die gesamte Kampagne hinweg zu wenig macht.
Nach einigen Stunden kennt man viele Abläufe einfach.
Gerade von Insomniac, einem Studio, das bei Spider-Man Bewegung, Fähigkeiten und Umgebung so geschickt miteinander verbunden hat, hätten wir hier etwas mehr Mut erwartet.
Zu viel Führung nimmt Logan die Freiheit
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die ruhigeren Abschnitte.
Wolverines geschärfte Sinne werden regelmäßig genutzt, um Spuren oder wichtige Objekte aufzuspüren. Das funktioniert, erinnert aber stark an die inzwischen bekannte Detektivsicht aus unzähligen Action-Adventures.
Hinzu kommt, dass das Spiel seinen Spielern teilweise ziemlich genau sagt, wo es weitergeht und was als Nächstes getan werden soll. Selbst kleine optionale Bereiche und Sammelobjekte lassen sich dadurch vergleichsweise leicht finden.
Das ist komfortabel – manchmal aber fast zu komfortabel.
Gerade in den optisch starken Umgebungen hätten größere Areale und etwas mehr Eigenständigkeit dem Abenteuer gutgetan. Später öffnet Insomniac einzelne Abschnitte stärker, was nur deutlicher macht, wie interessant Wolverine mit etwas mehr Freiheit hätte sein können.
Dafür überzeugt die Geschichte
Wo das Gameplay gelegentlich ins Stocken gerät, liefert die Geschichte deutlich zuverlässiger ab.
Insomniac erzählt keine einfache Ursprungsgeschichte, sondern setzt bei einem Logan an, der bereits einiges hinter sich hat. Team X, Jean Grey, Mystique, Sabretooth und weitere bekannte Figuren werden in eine Geschichte eingebunden, die gleichzeitig den Grundstein für ein größeres Mutanten-Universum legen kann.
Besonders die Beziehung zwischen Logan und Jean Grey wird in mehreren Tests hervorgehoben. Liam McIntyre gelingt es zudem, Wolverine eine eigene Identität zu geben, ohne einfach Hugh Jackmans Interpretation kopieren zu wollen. Auch Troy Baker als Nathaniel Essex gehört schauspielerisch zu den auffälligsten Figuren.
Und genau deshalb funktionieren auch einige der ruhigeren Momente.
Unter der ganzen Gewalt steckt ein Charakter, der wesentlich interessanter ist als seine Klauen.
Insomniac versteht Logan offensichtlich.
Man hätte sich nur gewünscht, dass sich dieses Verständnis noch stärker in den eigentlichen Spielmechaniken widerspiegelt.
Optisch echtes PlayStation-Blockbuster-Kino
Technisch und visuell spielt Wolverine dagegen weit oben mit.
Charaktermodelle, Animationen, Beleuchtung und die unterschiedlichen Schauplätze gehören zu den größten Stärken des Spiels. Gerade weil Insomniac keine riesige offene Welt berechnen muss, können viele Bereiche deutlich stärker durchinszeniert werden.
Tokyo sieht anders aus als Madripoor, Kanada wiederum vermittelt eine völlig andere Atmosphäre. Logan selbst gehört mit seinen Animationen, Verletzungen und der brutalen Darstellung seiner Angriffe zu den beeindruckendsten Figuren des Spiels. VGC bezeichnet insbesondere die Charaktermodelle und Umgebungsdetails als herausragend.
Auf der PS5 Pro stehen zudem unterschiedliche technische Prioritäten zur Verfügung, darunter eine Variante mit erweitertem Raytracing sowie eine Einstellung mit Fokus auf eine höhere und stabilere Bildrate.
Hier merkt man deutlich, dass Insomniac seine eigene Engine inzwischen sehr gut kennt.
Rund 12 bis 14 Stunden – und das ist völlig okay
Für die Hauptgeschichte sollte man ungefähr 12 bis 14 Stunden einplanen. Dazu kommen optionale Herausforderungen und Sammelobjekte sowie New Game Plus.
Und auch hier sehen wir die Spielzeit nicht als Nachteil.
Ganz im Gegenteil.
Nicht jedes AAA-Spiel muss 40 oder 60 Stunden lang sein. Eine konzentrierte Kampagne kann deutlich besser funktionieren.
Bei Wolverine stellt sich eher die umgekehrte Frage: Wenn sich einzelne Kämpfe bereits innerhalb von zwölf Stunden wiederholen, hätte eine längere Laufzeit wahrscheinlich sogar zusätzlich geschadet.
Fazit: Ein guter Wolverine, aber kein neuer PlayStation-Meilenstein
Marvel’s Wolverine ist kein schlechtes Spiel. Nicht einmal annähernd.
Insomniac liefert eine technisch beeindruckende Produktion, eine starke Geschichte, sehr gute Schauspieler und endlich einen Wolverine, der seine Gegner nicht nur freundlich bewusstlos schlägt.
Wenn Logan richtig loslegt, Blut durch den Raum fliegt und die Rage-Anzeige nach oben schießt, bekommt man genau das Spektakel, das man von einem Wolverine-Spiel erwartet.
Doch hinter dieser beeindruckenden Oberfläche steckt ein überraschend konventionelles Actionspiel.
Gegner wiederholen sich, das Kampfsystem entwickelt sich nicht stark genug weiter, die Erkundung wird teilweise übermäßig geführt und manche Mechaniken erinnern stärker an Action-Adventures von vor zehn Jahren als an den nächsten großen PlayStation-Titel.
Vielleicht ist genau das die größte Enttäuschung.
Von irgendeinem Wolverine-Spiel wäre dieses Ergebnis ziemlich stark. Von Insomniac Games hatten wir aber etwas mehr erwartet.
Marvel’s Wolverine besitzt hervorragende Krallen. Nur sind sie spielerisch nicht immer so scharf, wie sie aussehen.
Stärken
- Hervorragende Präsentation und Charaktermodelle
- Logan funktioniert hervorragend als Hauptfigur
- Deutlich brutaler als Insomniacs Spider-Man-Spiele
- Starke Story und überzeugende Charaktere
- Rage-System passt hervorragend zu Wolverine
- Angenehm kompakte Kampagne
Schwächen
- Kämpfe werden mit der Zeit repetitiv
- Zu wenige unterschiedliche Gegnertypen
- Teilweise unnötig zähe Gegner
- Sehr starke Spielerführung
- Erkundung bleibt häufig oberflächlich
- Fähigkeiten und Progression könnten deutlich mehr verändern
Wertung: 8/10
Gut
Marvel’s Wolverine ist ein spektakulär inszeniertes und erzählerisch starkes Action-Abenteuer, dem ausgerechnet beim wichtigsten Punkt etwas die Krallen fehlen: dem langfristig abwechslungsreichen Gameplay. Für Wolverine- und Marvel-Fans trotzdem eine klare Empfehlung – zum ganz großen Insomniac-Meisterwerk reicht es diesmal aber nicht.














